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"Valorant"-Lizenz: "Causa G2 Esports" zeigt Abhängigkeit der E-Sport-Teams

Das Berliner E-Sport-Team G2 Esports bekommt keinen Slot in der 2023er Saison von Riot Games' "Valorant". Als Grund wird die Nähe des inzwischen temporär beurlaubten G2-Esports-Chefs Carlos Rodriguez zu einem wegen Frauenfeindlichkeit und Hate Speech gebannten Content Creator vermutet. Der Fall zeigt, wie unterschiedlich rechtliche Abhängigkeiten im E-Sport zum klassischen Sport sind.

23.09.2022 15:31 • von Stephan Steininger
Carlos Rodriguez wurde acht Wochen von seinen Aufgaben als CEO von G2 Esports suspendiert (Bild: G2 Esports/Archivbild)

Riot Games, Publisher nicht nur von "League of Legends" sondern auch von "Valorant", veröffentlichte am Mittwoch die Namen der 30 Teams, die 2023 die höchsten E-Sport-Spielklassen bestellen werden. Es sind je zehn Teams für Nordamerika, die Region Asia-Pacific und Europa. Ein Name, mit dem man lange gerechnet hatte, fehlte dabei jedoch: G2 Esports aus Berlin.

Eine offizielle Erklärung dazu gibt es freilich nicht. Riot Games selbst sprach davon, wie überrascht und erfreut man über den Ansturm auf die 30 zu belegenden Plätze gewesen sei. Auf das Auswahlverfahren, die ausgewählten Teams oder die Teams, die nicht dabei sind, ging Riot Games jedoch nicht ein. Seitens der Presse ist man sich jedoch einig: G2 Esports wurde wegen CEO Carlos Rodriguez und dessen Verhalten nicht berücksichtigt.

Rodriguez, selbst einst ein Top-Spieler in "League of Legends", war zuvor in einem Video feiernd mit Andrew Tate zu sehen. Tate ist ein Content Creator, der sich selbst als Anti-Feminist und frauenfeindlich bezeichnet und der unter anderem wegen dieser Einstellung, aber auch wegen mehrerer Hate-Speech-Vorkommnisse von zahlreichen Social-Media-Plattformen verbannt wurde. Beim anschließenden Gegenwind auf Social Media äußerte sich der G2-E-Sports-Chef zunächst patzig. Niemand könne ihm seine Freundschaften vorschreiben beziehungsweise diese kontrollieren. Einen Tag später ruderte er zurück und entschuldigte sich.

G2 Esports veröffentlichte zudem eine Stellungnahme auf Twitter, bei der sich das in Berlin ansässige Team bei Fans und Followern entschuldigt. Die Äußerungen des CEOs stünden in Gegensatz zu den Werten und der Kultur, die G2 lebt und für die G2 steht. Tatsächlich zählt Jens Hilgers, einst Gründungs-CEO der ESL, mit Rodriguez zu den Gründern von G2 Esports. Hilgers wiederum setzt sich unter anderem mit seiner Beteiligungsgesellschaft Bitkraft stark für Vielfalt und Gleichberechtigung im Gaming und E-Sport ein. So erklärt sich auch, dass mit dem Statement von G2 Esports auch eine achtwöchige unbezahlte Suspendierung von Rogriguez bekannt gegeben wurde.

Ob die "Causa Rodriguez" bei Riot tatsächlich den Ausschlag gab, G2 Esports nicht zu berücksichtigen, wird sich wohl kaum klären lassen. Denn damit kämen weitreichende und teils unbequeme Fragen für alle Beteiligten auf, zum Beispiel, ob Rodriguez für die Handlungen von Bekannten oder Freunden verantwortlich gemacht werden kann oder ob ein ganzes Team für die Nähe des Geschäftsführers zu einem Frauenfeind bestraft werden sollte. Infolge dessen könnten nicht nur Schadensersatzforderungen aufkommen, es dürfen sich künftig dann auch entsprechende Klauseln in allen Arbeitsverträgen im Esport wiederfinden.

In jedem Fall zeigt die "Causa Rodriguez", wie abhängig die E-Sport-Teams von den jeweils Turniere ausrichtenden Firmen sind. Dabei ist es irrelevant, ob es sich bei den Veranstaltern um Dritt-Firmen wie die ESL handelt oder wie bei "Valorant" über den Spielehersteller selbst, in diesem Fall Riot Games. Hier zeigt sich also einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem E-Sport und dem klassischen Sport, wo die Vereine über Verbandsstrukturen die Organisation der Wettbewerbe beeinflussen und selbst tragen. Dieser Unterschied bzw. diese Rechtefrage wird indes auch seitens der Gegner immer wieder als Argument gegen eine Anerkennung des E-Sports als Sportart angeführt.

Wie kniffelig der Sachverhalt ist zeigt sich daran, dass selbst ein unabhängiges Sportgericht, das es im E-Sport nicht gibt, in diesem Fall keine Lösung wäre. Denn solange Riot nicht offen legt beziehungsweise offen legen muss, nach welchen Kriterien die Slots vergeben werden, solange lässt sich auch nicht objektiv gegen eine Vergabe vorgehen. Anders gesagt: Wer ein Game erfindet, der bestimmt nicht nur die Regeln im Spiel, sondern auch, wie sich die Spieler:innen in dem Titel beim E-Sport miteinander messen. Übertragen auf den analogen Sport wäre das in etwa so, als würde Adidas bei Fußball-Matches, bei denen Adidas-Bälle oder -Schuhe zum Einsatz kommen, bestimmen, wie viele Feldspieler auf einem Platz welcher Größe stehen und wie lange Halbzeiten, Drittel oder Viertelmatches dauern. Das wäre vielleicht weiterhin Sport, spätestens aber wenn es zeitgleich einen Fußballweltmeister Deutschland, England und USA in den Disziplinen Adidas-, Reebok- und Nike-Fußball gibt wäre es irgendwie nicht mehr das Gleiche.