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Kolumne: No women, no Games!

Die Entwicklungen bei Activision Blizzard der letzten Wochen haben gezeigt: Es gibt noch viel Arbeit beim Thema Diversität und Vermeidung eines toxischen Klimas am Arbeitsplatz. Eine Kolumne aus GamesMarkt 9/2021 von Stephan Steininger.

08.09.2021 14:14 • von Stephan Steininger

Früher war alles besser! Das sagt nur, wer die Gamesbranche früher nicht miterlebte. Oder wessen Erinnerungen irgendwo zwischen Sonys ECTS-Partys, kalifornischen E3-Weißwein und gamescom-Kölsch verblassten. Oder wer weiß, männlich und gehörig ignorant ist. Allen anderen ist klar: Früher war die Branche vor allem eines: männerdominiert. Es ist noch gar nicht so lange her, als ich mich mit Stephan Reichart unterhielt, wie sehr sich die Branche bereits gewandelt hat. Aber wie weit sie gleichzeitig noch immer von einem Idealzustand der Diversität entfernt ist. Im Grunde ist die Branche ja noch nicht einmal bei Geschlechterparität angekommen.

Vor diesem Hintergrund muss man die Ereignisse der letzten Wochen und Monate bei Activision Blizzard und Ubisoft als notwendig, ja sogar längst überfällig, aber wenig überraschend einordnen. Natürlich erreicht die Debatte um Diversity in der Gamesbranche, über toxische Arbeitsumfelder bei Großstudios eine neue Dimension, wenn ein hochrangiger Manager wie J. Allen Brack seinen Stuhl nach einem Statement räumen muss, das so viel Feingefühl hatte wie der Hammerschlag eines Eisenschmieds bei der Metallverarbeitung. Doch genau darum geht es ja. Bei einem Studio mit tausenden MitarbeiterInnen ist es nicht auszuschließen, dass der ein oder andere "faule Apfel" dabei ist, der toxisches Verhalten ins Büro trägt, selbst wenn Stefan Marcinek persönlich alle KandidatInnen ausgewählt hätte. Sehr wohl lässt sich jedoch ausschließen, dass ein Chef die Schuld bei den MitarbeiterInnen sucht, wenn eine bundesstaatliche Organisation in den USA Klage einreicht, weil sie von systematischer Diskriminierung und Belästigung überzeugt ist. Da kann von Einzelfall keine Rede sein. Da stinkt der Fisch vom Kopf her. Basta.

Für mich steht jedenfalls fest, dass sich in Sachen Diversity noch vieles ändern muss und wird in der Branche. Langfristig wird kein Entwicklungsstudio in der Breite erfolgreich sein, dass nicht mit einem diversen Team agiert. Denn wer weit über die Hälfte der potenziellen Zielgruppe ausschließt, wählt entweder bewusst einen Platz in der Nische oder ist zum Scheitern verurteilt. In beiden Fällen wird die Weiterentwicklung der Branche von anderen PlayerInnen getrieben.

Wann immer das Thema Diversity aufpoppt kommt mir übrigens die gamescom 2019 in Erinnerung. Die durfte ich mit einem - außer mir - komplett weiblichen GamesMarkt-Team bestreiten. Ich lernte in diesen Tagen viel von meinen damaligen Kolleginnen, die heute teils in der Branche arbeiten. Vor allem, dass man mir als weißen, inzwischen mittelalten Cis-Mann schon immer anders begegnete, als jungen, weiblichen oder diversen BranchenkollegInnen. Mitbekommen habe ich das nicht. Ferner lernte ich, dass selbst die deutsche Gamesbranche nicht so fortschrittlich ist, wie Statements und Initiativen wie die von Stefan Marcinek oder von Bitkraft einen meinen lassen möchten. Und das beste, nein das einzige, was man(n) als "alter Branchenhase" machen kann, ist zuhören. Und zwar allen, denen nicht der Hof gemacht wird, weil sie Chefredakteur des etablierten Branchenblatts GamesMarkt sind.

Und genau das tue ich, das tun wir als Magazin jetzt. Wir haben eine Online-Umfrage (http://forms.gle/Nfk6zhbMCbXmRXxJ6) zum Thema Diversity in der deutschen Gamesbranche gestartet. Und wer uns kontaktieren und Erlebnisse - schöne wie unschöne - gerne mitteilen will, sei es zur anonymen Veröffent­lichung oder als Kontextinfo "off the records", der oder dem hören wir, der oder dem höre ich gerne zu.

Stephan Steininger

Chefredakteur GamesMarkt

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