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Update: Die Folgen der Anklageschrift gegen Activision Blizzard

Seit der Anklageschrift wegen sexistischer Kultur im Unternehmen haben sich mehrere aktuelle und ehemalige Führungskräfte für die Vorgänge entschuldigt. Chief Compliance Officer Fran Townsend hingegen stellte sich gegen die Vorwürfe, was unter anderem einen Aufruf zum Streik unter der Belegschaft zur Folge hatte.

22.07.2021 14:10 • von Valentin Masszi

Update vom 28. Juli 2021:?

Seit der Anklage gegen Activision Blizzard vergangene Woche erhoben zahlreiche Menschen, darunter auch viele MitarbeiterInnen des Unternehmens, ihre Stimme gegen die offensichtlich vielerorts sexistisch geprägte Kultur im Konzern. Dazu kamen einige momentane und ehemalige Führungskräfte von Activision Blizzard.

Der Präsident von von Blizzard J. Allen Brack äußerte sich am 22. Juli gegenüber der Belegschaft, wie Jason Schreier von Bloomberg berichtet. Brack schrieb unter anderem, dass er "Bro Culture" verachte und seine Karriere damit verbracht habe, sie zu bekämpfen. Des Weiteren liege die Verantwortung für eine sichere Arbeitsumgebung bei jedem und jeder MitarbeiterIn. Man werde sich auf Führungsebene überlegen, wie man von hier an weitermachen will. Zwischenzeitlich könne sich die Belegschaft mit Anliegen jederzeit an ManagerInnen, die Personalabteilung oder die externe Adresse Way2Play Integrity Line richten. "Ich bin wütend, traurig und führe viele weitere Emotionen, aber ich bin auch dankbar, mit einer Gruppe von Führungskräften und Tausenden von MitarbeiterInnen zu arbeiten, die zusammen mit mir alles für stetige Verbesserung tun", so Brack.

Einen Tag später nahm Chief Compliance Officer Frances Townsend eine erheblich defensivere Haltung in einer Nachricht an die MitarbeiterInnen des Konzern ein, wie Schreier ebenfalls berichtete. "Eine kürzliche Anklage hat ein verzehrtes und unwahres Bild unseres Unternehmens gezeichnet, einschließlich faktisch inkorrekter, alter und aus dem Zusammenhang gerissener Geschichten - manche mehr als eine Dekade alt." Sie habe selbst nie derlei Erfahrungen gemacht und betont, dass die heutige Kultur eine auf festen Werten basierende sei. Die Führungsebene würde das auch durchsetzen. Townsend selbst ist erst vor einigen Monaten zu Activision Blizzard gestoßen. Sie ist vor allem bekannt dafür, Sicherheitsberaterin für US-Präsident George W. Bush in den Jahren 2004 bis 2007 gewesen zu sein.

Der Blizzard-Mitgründer und ehemalige Präsident Mike Morhaime hatte am 24.07. ein weitaus demütigeres Statement veröffentlicht, in dem er sich betroffen über die Berichte zeigt. "Ich schäme mich", so Morhaime. Er habe während seiner 28 Jahre bei Blizzard stets versucht, eine Umgebung der Gleichberechtigung und Sicherheit zu schaffen. "Ich wusste, dass es nicht perfekt war, aber wir waren sichtlich weit entfernt von diesem Ziel." Belästigung und Diskriminierung wären in der Gamesindustrie nicht nur existent, sondern weit verbreitet, und eigentlich sei es die Aufgabe von Führungskräften, dem entgegenzuwirken. "An die Blizzard-Frauen, die solche Erfahrungen gemacht haben: Es tut mir unglaublich Leid, dass ich versagt habe." Morhaime schrieb weiter, er wolle den Frauen zu hören und glaube ihnen. Und er hoffe, dass sich die Industrie bessern könne.

Auch Chris Metzen, einst VP of Story und Franchise Development bei Blizzard und eines der bekanntesten Gesichter hinter "World of Warcraft", veröffentlichte am 26.07. ein ähnliches Statement. "Wir haben versagt und ich entschuldige mich", so Metzen. Doch seine Entschuldigung könne nun keinen Unterschied mehr machen. Er sei beschämt, angeekelt und wütend. "Es ist als blicke man auf zwei völlig unterschiedliche Welten. Aber so ist es nicht. Es ist nur eine Welt und der gähnende Unterschied zwischen meiner Wahrnehmung von der Spitze und der brutalen Wirklichkeit, die viele von euch erfahren haben, erfüllt mich mit tiefer Scham."

Vor allem auf Townsends Nachricht gab es starke Reaktionen, von öffentlicher Seite sowie von der Belegschaft selbst. So wurde übereinstimmenden Medienberichten zufolge ein offener Brief aufgesetzt, in dem ihr sowie dem Statement des Unternehmens kurz nach Veröffentlichung der Anklageschrift vehement widersprochen wird. Veränderungen seien dem Dokument nach bitter nötig und derlei Stimmen ließen an dem Willen dazu zweifeln. Der Brief fordert öffentliche Solidarität mit den Opfern von Unternehmensseite und dass Townsend von ihrem Amt als Executive Sponsor of the ABK Employee Women's Network zurücktritt. "Wir werden die Veränderung sein", lauten die abschließenden Worte. Über 1.000 derzeitig oder ehemals bei Activision Blizzard Angestellte haben Medienberichten zufolge ihre Unterschrift darunter gesetzt.

Zudem entwickelten sich Pläne für einen Streik am heutigen Mittwoch. Laut Bloomberg fordern die Angestellten dabei vor allem vier Dinge: (1.) Activision soll verpflichtende Schiedsklauseln in allen derzeitigen und zukünftigen Arbeitsverträgen streichen. Solche Klauseln verlangen eine eventuelle Streitbeilegung außerhalb der Gerichte. (2.) Die Prozesse zur Einstellung und Beförderung von MitarbeiterInnen sollen verbessert werden, vor allem mit Blick auf Repräsentation, Diversität und Gleichstellung. Außerdem sollen MitarbeiterInnen diesen neuen Prozessen in einer unternehmensweiten "Diversity, Equity & Inclusion organization" zustimmen. (3.) Gehalts-, Beförderungs- und Kompensationsinformationen sollen für alle öffentlich verfügbar werden. (4.) Zuletzt soll es einer "Diversity Task Force" freigestellt sein, externe Stellen damit zu beauftragen, die Führung, Hierarchie und das Personalwesen des Unternehmens zu prüfen.

Gestern, am 27.07., meldete sich dann CEO Bobby Kotick gegenüber der Belegschaft zu Wort. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge bezeichnete er Reaktionen des Unternehmens als "unsensibel". Er habe die Anwaltskanzlei WilmerHale damit beauftragt, die Abläufe und Prozesse im Unternehmen zu untersuchen. MitarbeiterInnen könnten sich auch direkt an Stephanie Avakian, die Untersuchungsleiterin wenden. Jegliche Meldung bleibe unter Verschluss. Zudem werden ab sofort fünf Schritte zur Verbesserung eingeleitet. (1.) Jegliche Anschuldigungen werden genau untersucht, (2.) Sitzungen für neue Ideen, die extern moderiert werden, (3.) Personelle Veränderungen, (4.) Sicherstellung, dass bei Einstellungsverfahren die Regeln für Diversität eingehalten werden, (5.) Entfernung von unangebrachten Inhalten in Spielen.

Vielerorts solidarisierte sich die Öffentlichkeit mit den MitarbeiterInnen von Activision Blizzard, vor allem im Lichte des anstehenden Streiks heute. Mehrere englischsprachige Medien wollen keine Artikel mehr zum Unternehmen bringen, abgesehen von Neuigkeiten zu den derzeitigen Entwicklungen, darunter The Gamer, Prima Games und GameXplain. Viele SpielerInnen aus Community von "World of Warcraft" verkünden auf Twitter zudem, im Spiel mitstreiken oder gar nicht erst spielen zu wollen. Welche Auswirkungen das oder auch der Streik der Belegschaft letztlich haben wird, ist momentan zum Großteil noch offen. Koticks Nachricht und Zusicherung kann allerdings als erste Reaktion auf den Unmut der Belegschaft gesehen werden. Was man jedoch nicht verfolgen wolle, so eine Stimme aus dem Organisationsteam gegenüber Bloomberg, sei eine Gewerkschaftsbildung.

Originalmeldung vom 22. Juli 2021:

Im US-Bundesstaat Kalifornien hat das Department of Fair Employment and Housing Activision Blizzard in zahlreichen Punkten der Diskriminierung und Belästigung von weiblichen Angestellten durch männliche Kollegen und Vorgesetzte angeklagt. Das berichtet Bloomberg unter Berufung auf die Anklageschrift. Es herrsche eine "frat boy"-Kultur im Unternehmen, wo Frauen unter anderem sexueller Belästigung, Witzen über sexuelle Gewalt sowie Diskriminierung in zahlreichen Bereichen ausgesetzt sind. Beschwerden in der Personalabteilung seien nicht nur unbeantwortet geblieben, sondern hätten das toxische Verhalten noch verschlimmert.

Das DFEH war nach einer zweijährigen Untersuchung zu ihren jetzigen Schlüssen und der Anklage gekommen. Nach einstimmigen Medienberichten bezeichnet Activision Blizzard mitunter viele Vorwürfe als unwahr und beschwert sich über fehlende Transparenz von Seiten der Behörde ihnen gegenüber, obwohl sich das Unternehmen sehr kooperativ gezeigt habe. Man setze sich aktiv für Diversität und Inklusion ein.