Games

Kommentar: Achtung Abofalle!

Die E3 machte eines deutlich: Microsoft setzt voll und ganz auf den Game Pass. Für Konzern und VerbraucherInnen ist diese Form der Abonnement-getriebenen Vermarktung von Games durchaus lukrativ. Auch für die Studios birgt der Content-Bedarf solcher Abomodelle große Chancen, doch genauso die Gefahr einer neuen Abhängigkeit, wie GamesMarkt-Chefredakteur Stephan Steininiger in der neuen Ausgabe kommentiert.

18.06.2021 14:20 • von Stephan Steininger

Kennen Sie Crazy Frog noch? Den Frosch des Klingeltonanbieters Jamba!, der unsere Ohren auf seinem unsichtbaren Motorrad mit einer schrillen Version von Axel F zum Glühen brachte? Ein Song, der es 2005 in UK auf Platz eins und in Deutschland auf Platz drei der Charts brachte? Mein jüngerer Sohn jedenfalls hat die Crazy-Frog-Version von Axel F kürzlich für sich entdeckt, besser gesagt aus der Schule "mit-gebracht", und diese sofort bei seiner Spotify-Dauerschleifen-Playlist "geadded". Ein Grauen.

Was das mit Games zu tun hat? Sehr viel, möchte ich meinen. Denn wenn ich ein Wort mit Jamba!, Klingelton und Crazy Frog assoziiere, dann ist es "Abofalle". Und die lauert derzeit in der Gamesbranche, wenn Sie mich fragen. Mit einem erheblichen Unterschied zu früher: Diesmal sind es nicht VerbraucherInnen, die sich in Acht nehmen müssen, sondern die Kreativen, die EntwicklerInnen.

Tatsächlich reicht ein Blick auf die E3, besser gesagt auf den Xbox E3 Showcase, um festzustellen, wie schnell sich gerade das Vermarktungskarussell Richtung Games-Abonnement dreht. 27 der 30 im Showcase vorgestellten Spiele erscheinen im Xbox Game Pass, die meisten direkt zum Release. Microsofts Strategie ist klar: GamerInnen, die neue Titel zum Launchtag spielen wollen, fahren mit dem bezahlten Abo am Besten. Bitte nicht falsch verstehen: Diese Strategie ist legitim. Und sie ist weder für die VerbraucherInnen noch - für sich genommen - für die EntwicklerInnen schädlich.

In Wahrheit bedeutet Microsofts Game Pass Offensive nur, dass der Trend der Abodienste nun vollends in der Gamesbranche angekommen ist. Die Entwicklung an sich ist ja nicht neu. Den Game Pass gibt es schon lang, gleiches gilt für EA Play, Uplay+, Geforce Now, PSNow, Apple Arcade (oder neu als Apple One), Google Stadia oder Prime Gaming. Hinzu kommen Spezialangebote von Humble oder auch lokale Anbieter wie Magenta Gaming.

Und doch erreicht die aktuelle Entwicklung eine neue Qua-lität, die kurz inne-halten lassen sollte. Denn statt extra für Abodienste geplante Entwicklungen wie im Mobile-Markt oder ältere Titel, wie bisher im Konsolengeschäft, landen nun echte Top-Releases sofort im Abo. Damit entwickeln die Games-Abo-Services erstmals die Markt-disruptive Attraktivität, die Netflix, Spotify & Co. so erfolgreich machte.

Doch es ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits haben Abodienste einen enormen Content-Bedarf, den sie gerne mit Geld stillen. Darin liegt eine Chance für große wie kleine Entwicklungsstudios. Andererseits zählt nur Exklusivität. Das macht Spiele-Abo-Services im Grunde zu proprietären Plattformen, vergleichbar mit Konsolen, nur ohne deren technologische Barrieren. Andere Eigenarten sind jedoch gleich. So eignet sich nicht jedes Spiele-Genre gleich gut für einen Abo-Service. Auf jeden Fall bestimmt aber der Plattform-Holder die Spielregeln. Er kann Projekte pushen oder sich selbst überlassen. Und sollte eines Tages aus der Content-Lücke ein Content-Überschuss werden, siehe App- oder Playstore, mutiert der Abo-Service-Anbieter ganz schnell vom Bittsteller zum Gatekeeper und das Independent Studio zum Abhängigen.

Der beste Schutz für Third-Partys ist - wie so oft im Spielebusiness - eine Multiplattform-Strategie. Wobei sich "Multiplattform" nicht nur auf technische Geräte beziehen sollte, sondern auch auf Geschäftsmodelle. In einen gesunden Mix gehören auch Abo-Services, aber nicht nur. Sonst wird die Abo-Chance zur Abofalle, die man - wie damals bei Jamba! viele Eltern - teuer bezahlt.

Stephan Steininger

Chefredakteur GamesMarkt

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