Unternehmen

DAK-Studie: Forscher sorgen sich über erhöhte Spielezeiten im Lockdown

Laut einer Studie der DAK und des UKE sind die Gaming-Zeiten im Mai um 75 Prozent angestiegen. Forscher befürchten nun, dass dieser erhöhte Konsum das Suchtrisiko bei Kinder und Jugendlichen verschärfen könnte.

29.07.2020 14:16 • von

Mittlerweile ist fast schon eine gewisse Normalität in den deutschen Alltag zurückgekehrt. Kinos sind wieder geöffnet, Restaurants dienen, solange man sich an die gegebenen Vorschriften hält, wieder als Treffpunkt für Freundesgruppen. Das sah vor einigen Wochen noch entscheidend anders aus. Gerade zum Anfang des Corona-Lockdowns im März und April gab es kaum Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Das traf gerade Kinder zu, die aus ihrem täglichen schulischen Rhythmus geworfen wurden. Deshalb überbrückte ein Großteil die Zeit mit Streaming-Diensten wie Netflix oder Amazon Prime und eben mit Gaming.

Trotz des damit gegebenen Grundes für einen untypisch erhöhten Gaming-Konsum, sorgen sich die Forscher der DAK um die Suchtgefahr bei Kinders. Im Vergleich zum September 2019, als eine erste solche Studie durchgeführt wurde, stiegen die Gamingzeiten unter der Woche während des Lockdowns im Mai um 75 Prozent an. Das entgeht aus einer Erhebung in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), bei dem etwa 12000 Familien berücksichtigt wurden. Werktags klettern die durchschnittlichen Gamingzeiten von 79 auf 139 Minuten an. Am Wochenende gibt es einen Anstieg um fast 30 Prozent auf 193 Minuten am Tag. Die Forscher befürchten, dass der erhöhte Konsum der letzten Monate das Suchtpotenzial erhöhen könnte, da bereits im September 2019 700.000 Kinder und Jugendliche die Nutzung als riskant oder pathologische eingeschätzt wurde.

"Die ersten Ergebnisse sind alarmierend", meint Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit. "Hochgerechnet auf die Bevölkerung ist bei fast 700.000 Kindern und Jugendlichen das Gaming riskant oder pathologisch. Die Corona-Krise kann die Situation zusätzlich verschärfen. Es gibt erste Warnsignale, dass sich die Computerspielsucht durch die Pandemie ausweiten könnte."

Ob die Mediensucht durch Schulschließungen und eingeschränkte Freizeitaktivitäten tatsächlich wächst, soll die Längsschnittstudie in einer abschließenden Befragung der teilnehmenden Familien im Frühjahr 2021 zeigen.

Ähnlich problematisch werden neben Gaming auch Social-Media-Aktivitäten einegschätzt. Im September zeigten 8,2 Prozent der befragten Kinder und Jugendliche eine riskante Nutzung. Das entspricht hochgerechnet fast 440.000 der 10- bis 17- Jährigen. Eine pathologische Nutzung wurde bei rund 170.000 Jungen und Mädchen. Während des Lockdowns stiegen die Social-Media-Aktivitäten werktags um 66 Prozent an - von 116 auf 193 Minuten pro Tag.

Die Ergebnisse der Studie sieht DAK-Vorstandschef Andreas Storm für ein Zeichen, dass "dringend ein verlässliches und umfassendes Frühwarnsystem gegen Mediensucht" gebraicht wird. "Es darf nicht länger Zufall sein, Risiko-Gamer zu erkennen und ihnen Hilfsangebote zu machen", so Storm weiter. "Als Vorreiter bei der Vorsorge bietet die DAK-Gesundheit deshalb als bundesweit erste Krankenkasse ein neues Mediensuchtscreening an."

Dieses Screening soll am 1. Oktober 2020 in eine Pilotenphase starten. In Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wird es bei 12- bis 17-Jährigen eine neue zusätzliche Vorsorgeuntersuchung in den fünf Bundesländern Bremen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geben.

Diese Sucht-Früherkennung werden rund 70.000 Jungen und Mädchen ergänzend zur J1 und J2 nutzen. Grundlage für das Mediensuchtscreening ist die so genannte GADIS-A-Skala (Gaming Disorder Scale for Adolescents), die von Suchtforschern des UKE Hamburg entwickelt wurde und jetzt erstmals in der Praxis eingesetzt wird. Man beruft sich hier auf die Richtlinien der WHO zu Gaming Disorder.

"Dieser Schritt ist für Eltern und Ärzte gleichermaßen sehr wichtig, denn Computerspielsucht ist ein wichtiges Gesundheitsthema bei Kindern und Jugendlichen", sagt Dr. Sigrid Peter, Vizepräsidentin des BVKJ. "Die Einbettung des Screenings in die regulären Vorsorgeuntersuchungen hilft dabei, eine drohende Sucht frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern."

In einem Statement reagierte game-Geschäftsführer Felix Falk bereits auf die Prognosen der DAK-Studie. Die gestiegene Mediennutzung in der Coronaphase hält er keinesfalls für problematisch, sondern ganz im Gegenteil: "Die Coronakrise zeigt die positiven Eigenschaften von Games besser als je zuvor." Er weist auch darauf hin, dass selbst die WHO im Rahmen der #PlayApartTogether-Kampagne zum gemeinsamen Spielen aufgerufen hat.