Games

Zitterpartie um die Fördergelder

Fördergelder in Höhe von 50 Millionen Euro pro Jahr hatte die Bundesregierung der deutschen Spielebranche versprochen. Doch bisher wurde nur ein Bruchteil an Projekten bewilligt, trotz Versprechen des BMVI jeden Tag hart an der Umsetzung zu arbeiten. Aus der Situation heraus ziehen nun zwei Entwickler die Notbremse.

14.02.2020 12:01 • von
Auf dem DCP 2019 ist Andreas Scheuer noch voller Zuversicht. Fast ein Jahr später sind immer noch viele Enwickler im Unklaren darüber, ob sie eine Förderung erhalten oder nicht. (Bild: BM für Verkehr und digitale Infrastruktur / Flickr)

Mit einem groß angelegten Förderprogramm will die Bundesregierung der deutschen Gamesbranche zum Erfolg verhelfen. 50 Millionen pro Jahr sind dafür bis 2023 vorgesehen. Doch von den 383 eingereichten Projektanträgen für eine De-minimis-Förderung von bis zu 200.000 Euro wurden bislang nur 26 bewilligt. Der letzte Schwung an fünf weiteren Projekten wurde als Valentinsgeschenk heute angekündigt, davor lag die Förderbewilligungen fast zwei Monate brach. Die Liste der bewilligten Förderanträge wächst nur langsam. Somit hängt aktuell die Zukunft von 337 Bewerbungen in der Schwebe.

Bei dem im vergangen Jahr ausgeschriebenen Förderprogramm wissen viele Studios selbst nach Monaten nicht, ob ihr Projekt finanziell unterstützt wird. Gerade für kleine Teams ist die Wartezeit ein großes Risiko, denn ohne bewilligte Förderung dürfen sie mit ihrem Projekt nicht beginnen. Jürgen Funk, Geschäftsführer des auf VR-Games spezialisierten Entwicklerstudios highlewelt, steckte in dieser Situation. "Unter diesen Bedingungen ist eine seriöse Produktions-, Personal-, Finanz- oder Liquiditätsplanung vollkommen unmöglich. Ich vermute, dass deswegen sogar kleinere Studios und Startups in der Insolvenz landen."

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) versteht die Sorgen der Entwickler: "Wir verstehen die Erwartungen der Studios schnell mit ihren Projekten starten zu können und arbeiten jeden Tag hart dafür, den Erwartungen gerecht zu werden", heißt es auf GamesMarkt-Nachfrage .

Jedoch läge das Problem nicht alleine beim zuständigen Ministerium. Schuld seien wohl auch die eingereichten Anträge: "Für manche Antragssteller ist das Förderprogramm noch Neuland, was sich auch in der Qualität der Projektkonzepte und im Prüfungsaufwand niederschlägt", so das BMVI. Funk jedoch betont, dass er durchaus wisse, wie das Antragstellen von Fördergelder von statten ginge.

Ursprünglich hatte das BMVI drei bis sechs Monate Bearbeitungszeit angekündigt. Bei den bis Ende 2019 bewilligten Projekten konnte laut dem BMVI dieser Standard gehalten werden. In gewissen Zweifelsfällen, wie beispielsweise einer Ablehnung, haben die Benachrichtigungen erst Anfang Januar erfolgen können. Zudem sei das BMVI in ein paar Fällen nicht über eine Adressänderung informiert worden, "was die Benachrichtigung natürlich erschwerte."

Den aktuellen Stand stellt der BMVI wie folgt dar: Die Bewertung der bis Ende August 2019 im ersten Förderaufruf eingegangen 383 Projektskizzen wurde vor Weihnachten abgeschlossen und "der Großteil" der Skizzenreicher noch im vergangenen Jahr über das Ergebnis informiert.

Insgesamt habe das BMVI derzeit 194 Antragssteller zur formellen Antragsstellung aufgefordert. Zusätzlich erhielten 148 Einreicher von inhaltlich förderfähigen, aber hinsichtlich der formalen Anforderungen noch als ungenügend anzusehenden Unterlagen die Möglichkeit die Skizze umfassend zu überarbeiten. Dafür werde das BMVI und der Projektträger die Förderinteressenten in den nächsten Wochen in diesem Prozess weiter intensiv begleiten, unter anderem durch geplante Webinare.

"Das BMVI unterstützt die Antragsteller sehr umfänglich, um die administrativen Hürden, die nun mal bei einem Förderprogramm des Bundes bestehen, zu bewältigen. Das macht die Sache natürlich zeitaufwendig - sollte aber auch im Interesse der Antragssteller liegen."

Allerdings räumt das BMVI ein, dass die Abwicklung der Pilotförderung das Ministerium vor eine Herausforderung stellt: " Angesichts der Vielzahl der Einreichungen haben wir bereits zusätzliche administrative Kapazitäten bereitgestellt und loten derzeit Verfahrensbeschleunigungen zur Bewältigung der positiven Nachfrage aus."

Seit Mitte Oktober wird das BMVI durch einen beauftragten Projektträger bei der formalen Abwicklung der Förderung unterstützt. Nach Informationen durch Jürgen Funk handelt es sich dabei um das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR).

Bei manchen Entwicklern stößt das auf Unverständnis: "Was hat denn der DLR mit Games am Hut", fragt sich ein Entwickler, der aufgrund des noch laufenden Verfahrens anonym bleiben will. "Dass sich das DLR natürlich schwer tut, ist nachvollziehbar. Wir wollen keine Steuergelder rausschmeißen als deutscher Staat. Das will ich auch nicht, dass das Geld mit einer Gießkanne in irgendeine Branche geschüttet wird - ob das nun die Gamesbranche ist oder eine andere. Ich denke, die Schwierigkeit liegt da, dass es keine Institution gibt, die sich darum kümmert."

Welches Ausmaß die Wartezeit für die Entwickler hat, zeigt sich konkret an zwei Beispielen. Funks Studio highlewelt hat ihre Förderbewerbung zurückgezogen, da er und sein Team nicht mehr länger untätig rumsitzen können und wollen. Insgesamt drei Mal forderte der BMVI Funk auf, die Skizzen zu überarbeiten. Die letzte Mail von Seiten des BMVI an das Studio desillusionierte Funk komplett. Er beschreibt "ganz neue, in den Förderrichtlinien nicht enthaltende Anforderungen und fragwürdige Nachforderungen", die das BMVI an ihn stellte. Durch die Verzögerung visierte das BMVI den Projektbeginn für frühestens 1. Mai 2020 an: "Für uns war das eine Katastrophe. Bis dahin hätte unser Game bereits fertig sein können."

Eine ähnliche Konsequenz muss das Münchner Startup Nementic Games ziehen. Ihr Projekt wurde zwar als förderfähig eingestuft, sodass sie in die nächste Phase hätten eintreten können und einen förmlichen Antrag einreichen durften, doch dazu wird es nicht kommen. Denn da sie den Förderantrag in enger Abstimmung mit einem Publisher eingereicht haben, der für sie den Eigenanteil finanziert hätte, hat das Studio ganz andere Probleme: Ihr ursprünglich angedachter Entwicklungszeitraum von 14 Monaten hat sich durch die Planung des BMVI auf neun Monate verkürzt.

"Eine Herstellung desselben Projekt in dieser Zeit wäre unmöglich gewesen", reflektiert Sebastian Jantschke, CEO und Gründer von Nementic Games. "Dadurch entschied sich der Publisher verständlicherweise gegen eine Kooperation und wir standen mit leeren Händen da. Den Forderungen des BMVI können wir aufgrund der veränderten Situation mit dem Publisher nicht mehr nachkommen, da wir den Eigenanteil alleine nicht stemmen können." Das Studio versucht nun die nötigen finanziellen Kapazitäten von jetzt ab zu erarbeiten, um das Spiel selbstständig auf den Markt zu bringen.

Der anonym bleibende Entwickler fasst die Situation kurz und knapp zusammen: "Man verliert die Lust an der deutschen Gamesförderung und das erreicht somit genau das Gegenteil, was es bewirken soll."

Nähere Details zur aktuellen Situation der Förderung und den im Artikel genannten Entwicklern finden Sie im kommenden GamesMarkt. Erscheinungsdatum: 21. Februar 2020.

Nadine Seibold