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Jürgen Enninger sieht München als Kreativhauptstadt

Vor ziemlich genau fünf Jahren installierte die Landeshauptstadt München das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft. Dessen Leiter, Jürgen Enninger, zieht im Gespräch mit MusikWoche Zwischenbilanz der ersten Erfolge, ordnet dabei das Abschneiden Münchens in einer EU-Studie ein, sieht aber auch noch Potenzial für die Metropolregion.

10.12.2019 11:15 • von
Will in München nichts imitieren, was auf Bundesebene bereits gut funktioniert: Jürgen Enninger (Bild: Jürgen Liebherr)

Vor ziemlich genau fünf Jahren installierte die Landeshauptstadt München das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft. Dessen Leiter, Jürgen Enninger, zieht im Gespräch mit MusikWoche Zwischenbilanz der ersten Erfolge, ordnet dabei das Abschneiden Münchens in einer EU-Studie ein, sieht aber auch noch Potenzial für die Metropolregion.

Enninger, der am 10. Dezember seinen 51. Geburtstag feiert, spricht zudem über eine "übergreifend herausragende Ausgangslage" Münchens in Hinblick auf die elf Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft, streicht heraus, dass München dennoch oft nicht so sehr als Kreativstandort wahrgenommen werde, weil auch andere Wirtschaftsbereiche stark seien, die Herausforderungen, die hohe Immobilienpreise mit sich bringen, und über eine jüngst erfolgte Budgeterhöhung für das Kompetenzteam

MusikWoche: München schaffte es jüngst in einer EU-Studie hinter Paris auf den zweiten Platz der kreativsten Millionenstädte Europas, noch vor London und Berlin. Was sagt das tatsächlich aus über die Stadt als kreativen Standort?

Jürgen Enninger: Dazu bietet der Index der Europäischen Kommission viele Anknüpfungspunkte. Der erste ist der Umsatz der Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft. Da ist die Metropolregion München mit einer Bruttowertschöpfung in Höhe von 23 Milliarden Euro aus diesem Bereich ganz vorn mit dabei.

MusikWoche: Aber Umsatz ist nicht alles, oder?

Jürgen Enninger: Nein, daneben gibt es unter anderem den Aspekt der kulturellen Infrastruktur, den die EU hervorhebt. Auch hier ist München weit vorn dabei. Hinzu kommt aber auch das Thema Quality Of Governance, wo München im Vergleich der deutschen Millionenstädte erneut den ersten Platz belegt.

_"BEI DEN ELF TEILMÄRKTEN DER KULTUR- UND KREATIVWIRTSCHAFT HABEN WIR ÜBERGREIFEND EINE HERAUSRAGENDE AUSGANGSLAGE."

MusikWoche: Überrascht Sie das gute Abschneiden Münchens?

Jürgen Enninger: Das überrascht zunächst einmal nicht, weil schließlich viele große Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft in München sitzen, von der Werbewirtschaft über den Rundfunk und die Presse bis hin zur stark vertretenen Software- und Gamesindustrie. Bei den elf Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft haben wir übergreifend eine herausragende Ausgangslage.

MusikWoche: Wie passt es denn dazu, dass Sony Music seine deutsche Zentrale von München nach Berlin verlegen will?

Jürgen Enninger: Das sehe ich als eine Herausforderung. Wir wollen natürlich starke Partner in der Stadt haben und dazu auch die Musik fördern. Wir werden durch diese Entscheidung noch mehr Aufmerksamkeit auf die Kleinteiligkeit der Musikwirtschaft und auf die Bedürfnisse der vielen kleinteilig organisierten Unternehmen hier am Standort legen. Ich komme selbst aus der Independent-Szene und nehme deshalb natürlich auch den Auftrag an, mich um diese zu kümmern.

MusikWoche: Wie sieht es mit der Musik im Vergleich der Teilmärkte aus?

Jürgen Enninger: Die Musik steuert in der Metropolregion München rund drei Prozent zu den Umsätzen und rund fünf Prozent zu den Beschäftigten der Kultur- und Kreativwirtschaft bei.

MusikWoche: Wie kommt es, dass Berlin häufig als so viel kreativer wahrgenommen wird als München?

Jürgen Enninger: Berlin ist für viele große Unternehmen, die auf günstigere Zulieferstrukturen im Kreativsektor angewiesen sind, tatsächlich attraktiver, weil dort eine große, heterogene und kleinteilige Masse an Kultur- und Kreativschaffenden günstig zu haben ist. Das ist in München anders.

Die monetäre Wertschätzung kreativen Schaffens ist hier viel stärker ausgeprägt als in Berlin, das fällt schon auf.

_"MÜNCHEN WIRD OFTMALS NICHT SO SEHR ALS KREATIVSTANDORT WAHRGENOMMEN, WEIL ANDERE WIRTSCHAFTSBEREICHE SO VIEL STÄRKER SIND."

MusikWoche: Kann das alles sein?

Jürgen Enninger: München und Bayern sind zudem sehr stark geprägt vom produzierenden Gewerbe, vom Automobilsektor aber auch von der Landwirtschaft. Das hat uns hier lange den Blick verstellt auf das, was in der Kultur- und Kreativwirtschaft entsteht. Wir haben eine bedeutende Hochkultur und einen starken Fokus aufs produzierende Gewerbe. Aber der Zwischenraum war statistisch lange Zeit nicht ausgeleuchtet. Und plötzlich kam dieser Begriff der Creative Industries, den einst Tony Blair im Zuge der De-Industrialisierung in Großbritannien geprägt hat, über Nordrhein-Westfalen und Berlin auf uns zu. Mit diesem Dachbegriff aber konnten wir in München und in Bayern lange Zeit nichts anfangen, weil diese De-Industrialisierung hier zum Glück nicht so ein Thema war. München wird oftmals nicht so sehr als Kreativstandort wahrgenommen, weil andere Wirtschaftsbereiche so viel stärker sind, dazu schon viel länger starke Lobbyarbeit leisten und politisch entsprechend besser vernetzt sind. Berlin hat so etwas nicht.

MusikWoche: Die EU hat ihre Studie quasi passend zum Fünfjährigen des Kompetenzteams veröffentlicht. Kann sich Ihr Team zumindest schon ein kleines bisschen dieser Entwicklung hin zur kreativ und kulturell führenden Metropole ans Revers heften?

Jürgen Enninger: Einen unmittelbaren Zusammenhang mit unserer Arbeit herzustellen, wäre sicherlich übertrieben. Wir tun aber natürlich unser Möglichstes, die Stadt München im Kreativbereich gut dastehen zu lassen. Dies unterstützt sicherlich den Rang, den wir hier zugewiesen bekommen haben. Aber diese Ergebnisse sind ganz klar den Unternehmen und Kreativen zuzuschreiben, die hier am Standort arbeiten. Und die sollten damit auch ganz selbstbewusst umgehen.

_"DAS KOMPETENZTEAM HAT JÜNGST EINE STELLENZUSCHALTUNG UND EINE BUDGETERHÖHUNG ERHALTEN."

MusikWoche: Wie sicher ist die Arbeit des Kompetenzteams für die nächsten Jahre?

Jürgen Enninger: Das Kompetenzteam ist fest etabliert: Wir sind entfristet, damit dauerhaft ein Bestandteil der Stadtverwaltung und müssen uns - Gott sei Dank - nicht von Jahr zu Jahr über unser Budget Gedanken machen. Wir haben sogar jüngst eine Stellenzuschaltung und eine Budgeterhöhung erhalten, über anderthalb zusätzliche Stellen im Immobilienbereich und einen Betrag im mittleren fünfstelligen Bereich mit der Maßgabe der Entwicklung von Raumpotenzialen in der Stadt.

MusikWoche: Wie sieht es mit der Teamstärke bei Ihnen aus?

Jürgen Enninger: Zum Kompetenzteam zählen derzeit zehn Personen auf sieben Stellen. Künftig sind es dann achteinhalb Stellen, mit wie vielen Mitarbeitern, werden wir noch sehen. Wir haben schon jetzt viele im Team, die bei uns in Teilzeit arbeiten und zudem noch selbst kreativ tätig sind. Das empfinde ich als eine extreme Bereicherung. Denn sie wissen sofort, wo der Schuh drückt.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie den Rückhalt für das Kompetenzteam am Standort?

Jürgen Enninger: Das Kompetenzteam wurde durch einen einstimmigen Beschluss des Stadtrats geschaffen, und auch der jüngste Erweiterungsbeschluss fiel einstimmig. Ich sehe also ein breites und positives Verständnis für unsere Arbeit bei der Stadt und habe das Gefühl, dass das, was wir machen, auf der politischen Ebene verstanden wird.

MusikWoche: Wie ist das Kompetenzteam bei der Stadt München angedockt?

Jürgen Enninger: Der Stadtrat München hat für das Kompetenzteam bei der Gründung eine Struktur präsentiert, die Wirtschaft, Kultur und Kommunales zusammenfasst. Das war die ideale Lösung auf dem Silbertablett. So eine Matrixstruktur ist zudem ein mutiger Schritt für eine Verwaltung, die ansonsten zumeist eher in ihren einzelnen Referaten denkt.

MusikWoche: Haben Sie denn das Gefühl, von allen Referaten für voll genommen zu werden?

Jürgen Enninger: Wir erfahren eine phänomenale und lösungsorientierte Unterstützung durch alle Referate. Wir haben allerdings lernen müssen, dass manche Dinge nur unter bestimmten Voraussetzungen gehen. Zum Beispiel bei Themen wie Brandschutz und Statik. Da kommt man nicht drumrum. Was mich zudem sehr freut: Nach einem ersten, vorsichtigen Beobachten erkenne ich inzwischen einen gewissen Ansteckungseffekt in der Verwaltung. Es gibt immer mehr Kolleginnen und Kollegen, die unsere Arbeit sehr schätzen, und uns darin unterstützen, noch mehr zu erreichen. Auch das ist ein schönes Ergebnis unserer Arbeit, das mich wirklich begeistert: Die Stadt weiß um unsere Themen und bemüht sich darum, sie weiter zu entwickeln. Das ist, glaube ich, der stärkste Rückhalt, den wir haben können.

MusikWoche: Was können Sie mit dem Kompetenzteam denn tatsächlich für die Musikwirtschaft unternehmen?

Jürgen Enninger: Wir tun hier sehr viel und schaffen ständig bessere Rahmenbedingungen, zum Beispiel durch Beratungs- und Vernetzungsangebote oder über Förderungen für Außenwirtschaftsreisen. Wir haben ganz konkret gerade einem Musikstudio bei der Raumfindung helfen können, und haben auch im Bereich Crowdfunding sehr viele Musikprojekte aus dem Großraum München, die erfolgreich finanziert wurden. Hier schießen wir im Rahmen eines Förderprogramms noch einmal 50 Prozent zu, wenn die kreativen Zulieferer aus diesem Raum kommen. Das macht unsere Unterstützung im Bereich Crowdfunding so interessant: Es nutzt einen Euro doppelt, indem es einem hier am Standort geförderten Kreativprojekt zum Beispiel dabei hilft, den Toningenieur vor Ort zu bezahlen. In diese Richtung sollten wir in Sachen Förderung viel mehr denken.

_"MÜNCHEN IST EIN EXTREM INTERNATIONALER STANDORT."

MusikWoche: Was macht München spannend für Unternehmen aus dem Bereich der Musikwirtschaft?

Jürgen Enninger: München ist ein extrem internationaler Standort. Das ist, wie ich finde, wirklich herausragend. Wir haben hier im Vergleich der Millionenstädte bundesweit den höchsten Anteil an Migrantinnen und Migranten mit einem akademischen Hintergrund. Hinzu kommt die Nähe zu Italien, zu Österreich und der Schweiz, das ist ein ganz wichtiger Standortfaktor, der immense Möglichkeiten eröffnet. Das habe ich schon zu meiner Zeit in der Musikwirtschaft erfahren: Man ist hier sehr schnell in den Nachbarländern und kann mit seinen Vertriebspartnern oder bei Konzerten vor allem im deutschsprachigen Raum sehr gut daran mitwirken, Künstlerkarrieren zu entwickeln. Hinzu kommt, dass man in München einen sehr guten Kontakt zum produzierenden Gewerbe hat.

MusikWoche: Was können diese Kontakte konkret bringen?

Jürgen Enninger: Das kann zum Beispiel in neueren Geschäftsfeldern wichtig sein, wenn es etwa darum geht, das Sounddesign für ein neues Auto zu entwickeln.

MusikWoche: Was könnte die Stadt und den Standort für Unternehmen aus dem Kreativsektor noch attraktiver machen?

Jürgen Enninger: Da sind meiner Meinung nach die Sichtbarkeit der freien Szene und das Thema Nachtkultur ganz entscheidende Faktoren. Das haben auch unsere Hearings immer wieder gezeigt. So haben unter anderem die Entscheider aus der Werbewirtschaft deutlich gemacht, dass der Standort für diesen Teilmarkt nur dann interessant sei, wenn es im Kulturbereich eine starke freie Szene gibt, eine lebendige Nachtkultur und eine hohe Diversität der verschiedenen Angebote, von der Musik bis hin zur Performance. Das gilt es, weiter zu entwickeln, um den Standort attraktiv zu halten. Das ist für uns eine große Herausforderung, daran arbeiten wir, dass hier Freiräume geschaffen werden.

MusikWoche: Wie passt es dazu, dass der Olympiapark, die Messe und die Stadt eine Fläche an der Messe 2020 mit einem Open Air von Andreas Gabalier zwischennutzen, der eher nicht zur freien Szene zählt?

Jürgen Enninger: Das sehe ich eher positiv: Schließlich zeigt sich daran, wie man den Weg frei machen kann für die Nutzung freier Flächen. Zuvor hatte der VDMK-Verband der Münchener Kulturveranstalter unter dem Vorsitzenden David Süß ebenso eine Erschließung von Open-Air-Flächen gefordert wie der Stadtrat. Das Kompetenzteam ist mit dieser Aufgabe betraut und wird sich weiter dafür stark machen, dass Open-Air-Flächen ermöglicht werden.

MusikWoche: Aber eine Fläche mit einer Kapazität von mehr als 100.000 Zuschauern dürfte doch Veranstaltern, die sonst eher das Milla oder das Harry Klein bespielen, nur wenig weiterhelfen, oder?

Jürgen Enninger: Das ist völlig klar. Dennoch zielen die Forderungen, die wir vom VDMK und anderen Veranstaltern Münchens zum Beispiel beim Pop Hearing mitgenommen haben, schon auf größere Flächen für 5000 bis 20.000 Zuschauer. Daher halten wir immer die Augen und Ohren offen und erschließen neue Freiräume, wie es unserem Stadtratsauftrag entspricht.

MusikWoche: München fehlt außerdem eine Spielstätte in der Größenordnung zwischen Muffathalle und Zenit. Erkennen Sie hier eine Entwicklung?

Jürgen Enninger: Ja, dieses Thema haben wir ständig auf dem Schirm. Es gibt auch tatsächlich Objekte, bei denen wir uns vorstellen können, dass das was werden könnte. Da diese Entwicklungen jedoch eher den privatwirtschaftlichen Bereich betreffen, kann ich leider nicht konkreter werden.

_"WIR MÜSSEN NICHTS IMITIEREN, WAS AUF BUNDESEBENE BEREITS GUT FUNKTIONIERT."

MusikWoche: Hamburg hat das Reeperbahn Festival, Köln die c/o pop, Berlin die Most Wanted: Music. Sollte München angesichts dieser Wettbewerbssituation ein vergleichsweise zartes Pflänzchen wie die Manic Street Parade nicht kräftiger gießen?

Jürgen Enninger: Wir müssen nichts imitieren, was es auf Bundesebene bereits gibt und dort gut funktioniert. Wir wollen eher etwas aufstellen, was sich abhebt. Die Mixcon ist ein gutes Beispiel: Bei diesem Format geht es dank des Ansatzes, der Musik und Technik verbindet, um etwas originär Münchnerisches. Das sehe ich sehr positiv. Es ist faszinierend, dass es in diesem Bereich ein so starkes Interesse gibt. Hier müssen wir dran bleiben und die Initiatoren unterstützen, die so etwas anschieben. Über die Manic Street Parade freue ich mich natürlich ebenfalls sehr, weil sie den Festivalcharakter mit einem Qualifizierungsansatz - der Manic Day Parade - verbindet.

MusikWoche: Was kann München im bundesweiten Wettringen um kreative Talente tun, damit nicht alle nach Berlin gehen?

Jürgen Enninger: Wir haben zum Beispiel mit der Werbewirtschaft das Projekt Take Munich für die Akquise junger Fachkräfte im Kreativsektor gebaut. Dabei hat sich als ein zentrales Momentum die Work-Life-Balance herausgestellt, die für die sogenannten Millennials eine wirklich große Rolle spielt. Hier steht München sehr gut da, da die Stadt durch das Umland, die Berge oder die Grünflächen einen hohen Erholungswert hat. Das wird von Fachkräften sehr geschätzt. Allerdings hat der Standort mit den hohen Immobilienpreisen auch einen ganz entscheidenden Nachteil. Das ist eine zentrale Herausforderung, und zwar für alle Wirtschaftsbereiche in München.

_"DIE HOHEN IMMOBILIENPREISE SIND EINE ZENTRALE HERAUSFORDERUNG, UND ZWAR FÜR ALLE WIRTSCHAFTSBEREICHE IN MÜNCHEN."

MusikWoche: Was können Sie tun, um diese Herausforderung anzugehen?

Jürgen Enninger: Wir wollen in den Fokus rücken, was München attraktiv macht. Wir haben durch eine von München Tourismus in Auftrag gegebene Studie gelernt, dass junge Leute, die durch Besuche bei Freunden oder ein Praktikum bereits einmal mit München in Kontakt waren, ein positives Image nach Deutschland hineintragen. Vorurteile entstehen hingegen bei all denen, die noch nie hier waren. Deshalb haben wir mit Take Munich ein Programm entwickelt, bei dem möglichst viele Leute aus dem Kreativbereich über einen kurzen Aufenthalt hier ein gutes Image von München mitnehmen.

MusikWoche: Und?

Jürgen Enninger: Das Feedback auf dieses Programm war sehr positiv, die Teilnehmer waren total begeistert von der Stadt - und kamen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Das Projekt haben wir 2019 zum ersten Mal gemacht, schließen 2020 daran an und haben damit ein wirklich gutes Beispiel geschaffen, wie man den Status von München langfristig verbessern und die Stadt für Fachkräfte aus dem Kreativsektor attraktiv machen kann. In dieser Aufgabe unterstützt uns aber auch der Smart Cities Index extrem, weil er bestätigt, dass München nach Paris der zweitattraktivste Standort in diesem Bereich ist.

MusikWoche: Was bedeutet dieser Index für Sie?

Jürgen Enninger: Das heißt für uns zunächst, dass wir Verantwortung entwickeln müssen: München steht in einer Statistik der Europäischen Kommission zwischen London und Paris, und das zweimal in Folge. Beim ersten Mal habe ich das noch gar nicht so ernst genommen. Nun aber hat die EU den Index noch einmal über¬arbeitet und verfeinert. Und siehe

da: Die Position von München hat sich sogar gefestigt, weil unsere Werte unter anderem im Bereich der kulturellen Infrastruktur noch einmal gestiegen sind. Daraus sollten wir eine Verantwortung ableiten, die Kultur- und Kreativwirtschaft dauerhaft in die städtische Agenda einzubetten. Es muss immer mitgedacht werden, die Basis für kreatives Schaffen zu verbessern, Off-spaces zu schaffen, die freie Szene ebenso zu fördern wie die Nachtkultur, um unterm Strich den Standort dauerhaft attraktiv zu halten, und damit auch gegenüber Unternehmen aufzutreten, die vielleicht mit München hadern: Hey, wir sind übrigens die Kreativhauptstadt!

_"ICH WÜNSCHE MIR EIN VERTIEFTES VERSTÄNDNIS DER WECHSELWIRKUNGEN ZWISCHEN KULTURAKTEUREN UND KREATIVWIRTSCHAFTSAKTEUREN."

MusikWoche: Im März 2020 steht die Kommunalwahl an. Was steht hier für die nächste Legislatur ganz oben auf Ihrem Wunschzettel?

Jürgen Enninger: Ich wünsche mir ein vertieftes Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Kulturakteuren und Kreativwirtschaftsakteuren. Das ist die zentrale Herausforderung. Wir wissen, dass der Kreativsektor ganz wesentlich zur kulturellen Vielfalt in einer Stadt beiträgt. Es gibt hier kein Entweder-oder: Wenn ich also die Kreativwirtschaft fördere, fördere ich auch die kulturelle Vielfalt. Und wenn ich die kulturelle Vielfalt fördere, fördere ich auch die Kreativwirtschaft. Das wird jedoch noch viel zu häufig getrennt gedacht. Wenn wir das verstanden haben, und darauf basierend auch entsprechende Infrastrukturangebote schaffen, damit sich zum Beispiel junge Kreative optimal verwirklichen und dadurch wiederum verbesserte Möglichkeiten haben, sich einen Markt aufzubauen, dann sind die Rahmenbedingungen gut gesetzt.

_ZUR PERSON

Seit September 2014 leitet Jürgen Enninger das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München, das als bundesweit einmalige Matrixstruktur innerhalb der Stadtverwaltung Aufgaben der Kultur-, Wirtschafts- und Kommunalverwaltung verbindet, um Künstlern, Kreativschaffenden und -unternehmen in der Metropolregion München Angebote aus einer Hand machen zu können. Enninger bringt Studien der Religionspädagogik und kirchlichen Bildungsarbeit an der Universität Eichstätt ebenso mit wie der Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien mit Abschluss als Diplom-Kulturwirt an der Universität Passau. Er verfügt über Berufserfahrungen im Musikverlagswesen, im Musikmanagement sowie als geschäftsführender Gesellschafter des Musiklabels Enja Records, war aber auch Mitarbeiter für betriebswirtschaftliche Angelegenheiten an der Bayerischen Staatsoper. Von 2004 bis 2012 engagierte sich Enninger ehrenamtlich im Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), unter anderem als Sprecher des Labelrats der Regionalgruppe Süd für Bayern und Baden-Württemberg sowie im Bundesvorstand. Daneben war er aber auch im Bundesvorstand des Vereins Jazz- und Worldpartners aktiv. Von 2010 bis 2014 fungierte er im Kompetenzzentrum des Bundes für Kultur- und Kreativwirtschaft als Leiter des Regionalbüros für Bayern. Seit 2016 ist Enninger Sprecher des Netzwerks der öffentlichen Fördereinrichtungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland und seit 2018 Mitglied im Beirat Bildung und Diskurse des Goethe Instituts.

Interview: Knut Schlinger