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Kommentar: Der gemüllerte DCP

Der Deutsche Computerspielpreis hat den Anspruch einer glanzvollen Gala. Location, Preisträger und Gewinnertitel haben diese Erwartungen erfüllt. Erwartungen erfüllt hat auch Moderatorin Ina Müller, aber leider die falschen, findet GamesMarkt-Chefredakteur Stephan Steininger.

10.04.2019 16:25 • von

Der Deutsche Computerspielpreis bleibt sich weiter treu. Auch 2019 heißt es: Kein DCP ohne Skandal.

Um eines vorweg zu nehmen: Der DCP 2019 war meiner Meinung nach weder schlecht, langweilig oder sonst irgendwo als Show übermäßig zu kritisieren. Es gab weder technische Pannen noch sonstige Showstopper. Die Preisträger waren - fast ausnahmslos - sichtlich erfreut und überrascht. Die Gewinnertitel vor den Statuten des Preises allesamt nachvollziehbar. Eigentlich hätte es also eine grandiose Show werden können.

Eigentlich. Denn neben dem üblichen Städte- und Locationwechsel stand 2019 auch ein Wechsel der Moderation an. Und der hatte es in sich. Barbara Schöneberger hatte es in den vergangenen Jahren fantastisch verstanden, den Deutschen Computerspielpreis trotz persönlicher Distanz zum Medium Games charmant, galant und glanzvoll zu moderieren. Die Fußstapfen für die oder den Nachfolger - das wusste man im Vorfeld - waren also groß. Vielleicht fiel deshalb auch die Wahl auf Ina Müller. Bekannt und beliebt als "Nordlicht mit Schnauze" war es ab- und vorhersehbar, dass Müller der Awardverleihung ihren eigenen, ja eigenwilligen Stempel aufdrücken würde. Und das funktionierte im ersten Viertel der Gala auch ganz gut.

Über die gesamte Distanz des Abends schaffte es die Moderatorin aber nicht, mit dem Thema Games warm zu werden. Schlimmer noch, sie schaffte es auch nicht, mit den Gewinnerinnen und Gewinnern oder den Laudatoren warm zu werden. Und so wurde aus der auflockernden "frechen Schnauze" schnell ein störender Querschläger, gegen den die oftmals medial ungeschulten Bühnengäste keine Chance hatten. Selbst Jury- und Kulturratschef Olaf Zimmermann durfte oder konnte keinen Satz wirklich beenden. Anders gesagt: Ina Müller war beim DCP ein bißchen zu viel Ina Müller. Nur wenige schafften es, sie auf Augenhöhe zu parieren. Von Nachwuchs-Entwicklern und Studenten, die im Regelfall erstmals überhaupt auf so großer Bühne stehen, darf und kann man das auch gar nicht verlangen. Und so hatte eSport-Star TimoX die größten Lacher des Abends auf seiner Seite, als er sich beim VfB Wolfsburg für sein Mediatraining bedankte. Dort habe man ihm beigebracht, auf Fragen wie auf die von Ina Müller zu reagieren. 

Doch es war nicht nur Müller, die beim DCP über das Ziel hinaus schoß. So waren die anwesenden Politiker von Dorothee Bär über Andreas Scheuer bis hin zu Lars Klingbeil und Rüdiger Kruse allesamt humorvoller, eloquenter und selbstironischer als Komikerin Enissa Amani. Amani behrrscht als Stand-up-Comedian derbe Sprüche aus dem Effeff, doch nach dem dritten zotigen Witz über Dorothee Bärs Outfit hätte sie sich trotzdem auf ihre Laudatio konzentrieren dürfen. Apropos: Namika machte ihren gelungenen, musikalischen Auftritt binnen weniger Minuten durch eine maue Laudatio vergessen . Schade.

Doch wie eingangs gesagt: Der DCP 2019 war keine Katastrophe, aber er hatte deutlich mehr Ecken und Kanten als notwendig und ihm gut tut. Und er war ein Schritt zurück in die Zeit, als die Branche den stereotypen Vorurteilen wenig entgegensetzen konnte, die von außen kamen, weil sie in Teilen zutrafen. Deshalb heißt es jetzt abhaken, kritisch hinterfragen und 2020 besser machen.

Und wenn ich einen ganz persönlichen Wunsch äußern darf: Lasst doch bitte bei der Gelegenheit jeglichen Seitenhieb zwischen "bayerischer Provinz" und "chronisch blanker Hauptstadt" weg. Auch in diesem Punkt haben wir den Bereich von lustigem Rivalitätsgehabe längst verlassen.

Ihr Stephan Steininger